Sabine: Hallo Nathalie – es ist wieder mal soweit. Wir haben Zeit zum Quatschen.

Nathalie: Ja – super. Wir hatten ja bereits angekündigt, dass wir noch eine ganze Reihe von Themen haben.

Sabine: Richtig. Sag mal, wie bist du auf den Fluchtpunkt Niedernhausen aufmerksam geworden?

„Man kam ja 2015 um das Thema gar nicht herum!“

Nathalie: Also, ich habe mit meiner Nachbarin, einer sehr guten Freundin von mir, über das Thema Flüchtlinge gesprochen. Man kam ja um das Thema gar nicht rum, ehrlich gesagt. Sie sagte mir dann, dass eine Frau aus meinem Wohnort Deutschunterricht gibt. Da habe ich einfach die Initiative ergriffen und bin als Zuschauerin mit zu einer Deutschstunde in die Lochmühle gegangen.

Sabine: Ist diese Lehrerin eine ausgebildete Lehrerin?

Nathalie: Ja, sie ist Lehrerin. Jedenfalls war ich so begeistert, dass ich immer wieder mitgekommen bin und langsam anfing, im Unterricht auch Dinge zu erklären. Irgendwann machten wir den Unterricht dann zu zweit und ich habe sie zu den Lehrertreffen des Fluchtpunkt Niedernhausen begleitet, dann zu den Koordinierungstreffen usw. Und dadurch habe ich sehr viele Leute kennengelernt – zum Beispiel auch dich.

Sabine:Ja – und darüber freue ich mich immer wieder sehr, dass wir uns kennengelernt haben, denn ich finde, dass wir als Team sehr gut zusammenarbeiten.

Nathalie: Und wie war das bei dir? Wie bist du zum Fluchtpunkt Niedernhausen gestoßen?

„Ich hab mir immer gesagt: Wer, wenn nicht wir?“

Sabine: Ich habe irgendwann im Niedernhausener Anzeiger gelesen, dass sich da eine Gruppe trifft, die sich der Flüchtlingssituation in Niedernhausen annimmt. Das war im Herbst 2015. Und wie du schon gesagt hast, man kam an dem Thema ja gar nicht vorbei! Im Fernsehen hatte ich die ganze Zeit die Berichte gesehen, in der Zeitung Artikel gelesen – und ich habe es schlicht nicht ausgehalten, das alles ganz ruhig aus der überdachten Loge anzuschauen.

Nathalie: Das hat einen damals regelrecht nervös gemacht, nicht wahr?

Sabine: Ja! Genau! Ich hatte halt auch immer das Gefühl, dass diese Aufgabe nicht von der Regierung zu lösen ist, dass diese Aufgabe nur in den Griff zu bekommen ist, wenn wir VOR ORT aktiv werden. Ich habe immer nur gedacht „Wenn nicht wir, wer soll sich denn dann um diese Menschen kümmern?“ Die Politik kann die Rahmenbedingungen schaffen, aber wir sind vor Ort, sind in unserer Nachbarschaft, sind die, die Hand anlegen können, die ganz praktisch unterstützen können. Und es ist wirklich einfach so, dass es Spaß macht, wenn man sieht, dass sich die Dinge verändern – und zwar zum Positiven verändern.

„Eigentlich wollte ich schon länger etwas in der Richtung machen.“

Nathalie: In der Tat war das bei mir auch so, dass ich mir schon seit längerer Zeit Gedanken gemacht hatte, ob ich nicht aktiv in der Flüchtlingshilfe mitmachen soll. Und 2015 war wirklich der Moment, wo man ich mir gesagt habe: „Mensch, da kann man doch nicht nur zuschauen.“

Sabine:Ja – das ist wirklich auch bei mir ein ganz intensives Gefühl gewesen.

Nathalie: Wenn ich jetzt über das „Warum“ nachdenke, kann ich einfach nur sagen, dass ich Menschen helfen möchte. Durch die Arbeit mit Flüchtlingen und deren Geschichten, über ihr Leben, habe ich vor allem gelernt, mein eigenes Leben und meinen Lebensstandard wertzuschätzen und ich möchte davon einen Teil abgeben.

Sabine: Ich sage ja immer, dass das auch eine hübsche Lektion in Demut ist. Es rückt den Blick auf das Leben wieder zurecht.

„Die Sicht auf die Dinge wird eine andere.“

Nathalie: Ich denke, das hast du auch schon erlebt, Sabine, dass man einfach auch eine andere Sicht auf die Dinge entwickelt.

Sabine: In der Tat!

Nathalie: Vielleicht mag das jetzt etwas, ich weiß nicht, „übertrieben“ klingen, aber nicht nur die Kriege, vor denen die Menschen flüchten, werden Geschichte schreiben, sondern man wird auch über die Länder sprechen, in die sie geflohen sind und was sie dort erlebt haben, wie sie aufgenommen wurden und wie ihre Zukunft ausgesehen hat.

Sabine: Ja. Klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber ich weiß, was du meinst.

„Ich möchte eine gute Antwort auf die Frage „Wie war das damals eigentlich“ geben können.“

Nathalie: Irgendwann wird es ein Teil des Geschichtsunterrichts in der Schule werden und wenn vielleicht meine Enkel mich irgendwann fragen: „Oma, wie war das damals eigentlich?“, kann ich zumindest viel über die Menschen, die wir jetzt kennenlernen, erzählen und lächelnd an die Zeit zurückdenken, in der ich und viele andere versucht und geholfen haben, allen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Oh Gott, das klingt gerade echt bescheuert, oder? Haben wir eigentlich irgendein Zeitlimit? Dann quatsch ich nämlich nicht so viel (lacht).

Sabine (lacht): Nö, wir haben kein Zeitlimit – und es klingt überhaupt nicht bescheuert. Ja – es geht um Zukunft. Um Menschlichkeit. Aber weißt du, es ist schon so, dass wir es jetzt in der Hand haben, ob das Miteinander in der Zukunft funktioniert. Wo du gerade „Geschichtsunterricht“ erwähnst …

Nathalie: Oh! Stimmt ja! Euer Ausflug nach Bonn.

„Wir haben richtig viel voneinander gelernt, das war keine Einbahnstraße!“

Sabine: Ja – genau! Das war sehr, sehr schön. Und was mir extrem gut gefallen hat, war, dass wir alle voneinander gelernt haben, das war keine Einbahnstraße. Jam und Nader haben viel von Afghanistan erzählt, von den politischen Strukturen, von Afghanistans Geschichte. Auch wenn wir im Haus der Geschichte waren, das sich ja mit Deutschland beschäftigt, so gab es immer wieder Aspekte, die uns dazu animiert haben, die Situationen unserer beiden Heimatländer zu vergleichen.

Nathalie: Das klingt spannend.

Sabine: Das war es auch. Und ich würde mir wünschen, dass viele andere Menschen einen solchen Ausflug machen, um mehr voneinander zu lernen, um ins Gespräch zu kommen – durchaus auch über komplexe Sachverhalte. Das klappt nämlich sprachlich mit unseren Neubürgern mittlerweile sehr gut!

Nathalie: Hört sich alles wirklich gut an. Gibt’s ein Foto?

Sabine (lacht): Aber sicher! Hier ist es:

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